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Zum 4. Oktober - Höchste Zeit, einmal richtig hinzuschauen - Briefmarken-Tierschutz oder tiergerechter Tierschutz
 

Kürzlich lass ich in einer österreichischen Zeitung die Aussage eines Politikers "Die Zeiten sind längst vorbei, in denen Kinder nur im Zirkus die Gelegenheit hatten, fremde Tiere zu sehen. Heute kann man Wildtiere längst in Zoos betrachten, wo sie wesentlich besser aufgehoben sind." Was wie ein Österreicher Witz tönt, hat in unserem Land seine Pendants, so dass man das Thema durchaus ernsthaft anzugehen kann, nicht zuletzt auch weil am 4. Oktober Welttierschutztag ist.

Als Vorbemerkung folgendes: Kein höheres Lebewesen auf diesem Planeten, weder eine der rund 4500 Säugetierarten noch eine der rund 8500 Vogelarten, versammelt um sich herum artfremde Tiere so wie dies der Homo sapiens tut. Es sieht so aus, als ob "Tiere halten" eines der wenigen absolut exklusiven Merkmale des Menschen ist. Tierschutz kann man unter diesen Umständen nicht mit dem Argument betreiben: "Lasst die Tiere, wo sie sind!". Es wird somit immer Menschen geben, die sich mit Tieren umgeben; genauso wie es schon früher Menschen gab, die Tiere um sich versammelten. Man kann von einem eigentlichen "Arche-Noah-Phänomen" sprechen. So lange das Arche-Noah-Phänomen Tatsache ist, bleibt einem realistischen Tierschutz nur, sich mit der Tatsache abzufinden, dass Menschen schon immer Tiere gehalten haben und immer Tiere halten werden.

Unter diesen Umständen kann der Tierschutz nicht in erster Linie das Halten von Tieren verbieten, sondern muss - unter Berücksichtigung des Arche-Noah-Phänomens - Mittel und Wege suchen, damit Tiere in Menschenobhut ein möglichst tiergerechtes Leben führen können. Das führt zur Frage "Was ist tiergerecht?". Diese Frage oder die Antwort auf die Frage nach Tiergerechtheit vermisse ich in der täglichen Tierschutz-Arbeit. "Halt" werden Sie sagen, der STS Schweizer Tierschutz ist doch gerade in diesen Tagen - Franz von Assisi's Namenstag sei Dank - unterwegs und sammelt Unterschriften für eine Petition gegen "widernatürliche Wildtierhaltungen"; also kontra Widernatürlichkeit, das ist doch pro Tiergerechtheit könnte man meinen.

Ich bin da skeptisch. Ich habe Tierschützer im Verdacht, dass sie einen "Briefmarken-Tierschutz" betreiben. Ich spreche von "Briefmarken-Tierschutz", wenn man ein Zebra in einer Mini-Serengeti, Gorillas in einem synthethischen Mini-Regenwald, Brillenbären in einem künstlichen Mini-Anden-Nebelwald und Bartgeier in einer vergitterten Mini-Felswand zeigt. Alle diese Briefmarken-Tierkäfige sind sehr, sehr teuer. Zugegeben, diese teuren Briefmarken-Lebensraum-Imitationen sehen auf den ersten Blick, im Dia und auf Video sehr schön aus. Aber diese Schönheit ist eine anthropozentrische Betrachtung, es ist eine egoistische Sichtweise. Wenn es tiergerecht sein soll, dann müsste man einmal die Tiere fragen, wie es ihnen unter solchen Briefmarken-Tierschutzverhältnissen zu Mute ist. Es ist nicht jeder ein König Salomon, der dank eines Rings mit allen Tieren sprechen kann. Also bleibt nur die weniger königliche Methode: sich hinsetzen, mit allen Sinnen registrieren und kritisch hinterfragen (das kann jedermann, dazu muss man nicht Verhaltensforscher sein!). Und dann sehen Sie, dass das Zebra in seiner Briefmarken-Serengeti stundenlang sich kaum bewegt, der Gorilla in seinem Briefmarken-Regenwald den eigenen Kot frisst, der Brillenbär in seinem Briefmarken-Nebelwald stereotypiert (d.h. dauernd auf den gleichen fünf Metern hin und her läuft) und der Bartgeier in seiner Briefmarken-Felswand stundenlang umhersitzt und nie (in Worten: "nie") ein Minute lang segelt. Aber, das wissen wir alle inzwischen von diesen vielen Tier- und Naturfilmen, der wilde Bartgeier segelt täglich 8 (acht) Stunden lang in Aufwinden, wilde Brillenbären stereotypieren nicht, wilde Gorillas kommen nie auf die Idee, den eigenen Kot zu fressen und wilde Zebras stehen nicht umher wie bestellt und nicht abgeholt.

Was ist tiergerecht? Für die tägliche Tierschutz-Praxis muss man eine einfache, pragmatische Lösung suchen. Ich schlage folgende vor: (1) Tiergerecht sind die Umstände, die eine Tierart in ihrem natürlichen Lebensraum vorfindet (denn wenn sich eine Tierart oder ein Individuum im natürlichen Lebensraum nicht wohl fühlt, führt dies zu reduzierter Fitness und das Individuum oder die ganze Art wird wegselektioniert). (2) In seinem natürlichen Lebensraum führt jedes Tier verschiedene Verhaltensweisen mit je typischen Häufigkeiten aus. Aus diesen beiden Voraussetzungen leite ich für Tiergerechtheit die folgenden Forderungen ab: (3) Eine minimale Tiergerechtheit in Tierhaltungen ist dann gegeben, wenn die in Menschenobhut gehaltenen Tiere die  häufigsten Verhaltensweisen, die ihre wildlebenden Artgenossen zeigen, jederzeit ausführen können.(4) Absolut nicht-tiergerecht ist, wenn ein Tier in Menschenobhut ein Verhalten mindestens 10 mal häufiger ausführt als seine wilden Artgenossen (meist sind das dann irgendwelche Stereotypien).

Wenn man diese Forderungen liest, dann tönt es kompliziert. Ein, zwei Beispiele zeigen, dass es aber weniger kompliziert ist, als die seitenlangen Tierschutzverordnungen. Nehmen wir den Bartgeier: Die vier, fünf häufigsten Verhaltensweisen wilder Bartgeier sind Ruhen, Körperpflege, Segeln/Fliegen, Futtersuche, .... Südafrikanische Untersuchungen zeigen, dass die Tiere täglich acht Stunden lang segeln und fliegen. Nach meinem Vorschlag würden täglich 45 Minuten Segeln und Fliegen in Menschenobhut schon genügen für "o.k. tiergerecht". Und die Zebras: Die häufigsten Verhaltensweisen wilder Zebras sind Ruhen, Fressen (immer wieder da ein Maul voll, dort etwas zum Knabbern), langsame, stetige Fortbewegung, Sozialkontakte. Umherstehen ist für wilde Zebras atypisch. Möglicherweise könnte man mit viel rechnerischem Goodwill die Zebras in Briefmarken-Lebensräumen gerade noch unter "tiergerecht gehalten" abbuchen. Aber was machen Sie mit dem Kot-fressenden Zoo-Gorilla und dem stereotypierenden Brillenbär?

Die Briefmarken-Tierschutz-Geschichte geht noch einige traurige Kapitel lang weiter. Das sind zuerst all' die Heerscharen von gekauterten Vögeln (Kautern = Fingerglieder, exklusive Daumen, eines Flügels abbrennen, mit dem Ziel, den Vögeln das Fliegen zu verunmöglichen). Alle wilden Artgenossen dieser gekauterten Vögel fliegen, zeitweise tagelang und über den Himalaja (z.B. Streifengänse). Hier ist nicht nur die Haltung, welche die Vögel am Ausführen eines der häufigsten Verhalten hindert, sondern die Tiere werden irreversibel verstümmelt. Aber diese von Menschen zu Krüppeln gemachten Vögel kommen immer wieder auf den Gedanken, wegzufliegen. Schauen Sie sich die gekauterten Kraniche im Herbst an: Jedes kleine Lüftchen stimuliert zu Startversuchen für den Herbstzug. Alle diese Startversuche enden immer wieder kläglich in einem Absturz. Aber es ist doch so photogen, eine farbige Gans auf der grünen Wiese zu sehen. Was will die Gans noch mehr?

Oder da sind noch die zig-Tausende Wellensittiche. In Australien fliegen sie in grossen Schwärmen täglich Dutzende von Kilometern zwischen Schlaf-, Trink- und Fressplatz hin und her. Und der Hansi im Vogelbauer ...? Dabei würde eine einfache Voliere, 10 m lang, 2 m breit, mit einem Dutzend Wellensittichen drin, spielend zu einem "o.k. tiergerecht" führen. Aber es sind ja nur kleine Papageien. Auch das eidgenössische Tierschutzgesetz und der STS scheinen so zu denken, denn schon vor 20 Jahren haben die Verantwortlichen für das Tierschutzgesetz und die Tierschutzverordnung die Wellensittiche vergessen und in der 1998er STS-Petition "Vergessene Tiere!" gingen sie auch vergessen.

Aber, werden Sie sagen, den Löwen und Tigern geht es in den Briefmarken-Lebesräumen doch gut, denn die machen da das gleiche wie ihre wilden Artgenossen, sie liegen die meiste Zeit, nur ab und zu bewegen sie sich. Und der STS Petition gegen Widernatürliche Wildtierhaltung setzt sich dafür ein, dass die "arme" Wildtiere in Wandermenagerien ("fahrenden Wildtierhaltungen") verboten werden. Da ist doch nichts dagegen zu sagen. Doch, sehr viel. Das wilde Raubtier ist nicht 23 Stunden am Tag faul und schläfrig. In dieser Zeit ist es mit seinen Sinnesorganen präsent und achtet auf alle Signale, die Hinweise zu einer sinnvollen Aktivität liefern. Die Anwesenheit einer unvorsichtigen potentiellen Beute wird so sicher nicht übersehen. Die Bereitschaft der Löwen und Tiger, sofort aktiv zu werden, ist da, nur lässt sie sich mit den menschlichen Augen weniger gut erkennen als mit einem EEG (Elektroencephalogramm = Hirnstromaufzeichnung). Diese gleiche Bereitschaft, sofort aktiv zu werden, ist bei Raubtieren in Menschenobhut nach wie vor vorhanden: Geben Sie einem Zoo-Löwen ein neues Spielzeug, und er spielt sofort.

Diese letzte Überlegung ist für mich eine absolut grundlegende. Ich will sie darum nochmals, mit andern Worten, formulieren: (1) Tiere in Menschenobhut haben viel Freizeit, weil vom Zeitaufwand her gewichtige Verhaltensweisen, beispielsweise Raubfeindvermeidung und Futtersuche, nicht mehr oder viel zu wenig stimuliert werden. (2) Jeder natürliche Lebensraum bietet x-mal mehr Abwechslung für alle Sinnesorgane als ein künstlicher, mensch-gemachter Lebensraum.

Wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind, dann müssten Sie sich doch fragen, weshalb eine Tierschutz-Organisation, die das Wohl der Tiere anstrebt, sich gegen fahrende Wildtierhaltungen einsetzt. Fahrende Wildtierhaltungen, beispielsweise solche eines Zirkus, liefern den Tieren durchschnittlich einmal pro Woche vollkommen neue Sinneseindrücke: Die Tiere sehen an jeden neuen Spielort eine neue Umgebung, sie stehen auf einem neuen Boden, riechen neue Gerüche und hören andere Geräusche als die Woche zuvor. Zudem, Zirkustiere arbeiten in einem oder mehreren Dressur-Programmen mit, die täglich ein- bis zweimal gezeigt werden, vor täglich neuem Publikum. Langeweile, so wie sie bei vielen Zootieren grassiert, ist Zirkustieren nicht bekannt.

Ich habe zu Beginn das Arche-Noah-Phänomen erwähnt. Ich habe weiter darauf hingewiesen, dass es sich dabei immer um Mensch-Tier-Kontakte handelt. Wenn man Tierschutz betreiben will, dann muss man immer alle Elemente im System "Mensch-Tier" betrachten. Sie können ein Tier in der schönsten Briefmarken-Anlage halten, wenn der menschliche Betreuer wie "ein Elefant im Porzellanladen" oder wie eine Tierbanause in Tiernähe sich aufführt, dann ist das Tier gestresst. Wer aber sagt der Tierbanause, wie sie sich in Tiernähe aufzuführen hat? Genau dieses know-how ist bei Zirkus-Leuten vorhanden, die tagtäglich hautnah mit (Wild-)Tieren arbeiten. Wenn "fahrende Wildtierhaltungen" verboten würden, wenn also keine professionellen engen Mensch-Tier-Kontakte mehr möglich wären, dann würde das profunde Wissen um positive Mensch-Tier-Kontakte verschwinden und damit genau jene Grundlagen, die für einen wirksamen Tierschutz nötig sind (denn - ich wiederhole mich - es wird immer Mensch-Tier-Kontakte geben, solange das Arche-Noah-Phänomen spielt), verloren gehen. Das Verbot, Wildtiere in Zirkusdressuren zu zeigen, wäre somit aus der Perspektive eines effizienten, pragmatischen, tier-orientierten Tierschutzes ein Rohrkrepierer.

Tiere in Menschenobhut haben "lebenslänglich". Diese "Strafe" kann man mehr oder weniger tiergerecht gestalten. Dazu muss man aber tierlich denken, sich in die Tiere hineindenken. Ich wünsche mir mehr von diesem Denken.

Dr. I. Rieger
September 1999
 
 
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