| Mittwoch 16. April 2003, Diverses
Selbst Buddha war ein Hase
Warum bringt der Hase bunte Eier? Warum ist es nicht
der Fuchs oder der Kuckuck, wie man es den Kindern früher erzählte?
Von Irene Widmer
Für all die Fragen gibt es viele Erklärungen:
In der byzantinischen Liturgie ist der Hase Symbol für Christus. Weil
Langohr keine Augenlider hat, schläft er scheinbar nie. Man brachte
das in Analogie zu Jesus, der nicht wirklich stirbt. Als Beleg wird meist
Psalm 104, Vers 18 zitiert. Dort wird Gott mit verschiedenen Kreaturen
in Zusammenhang gebracht, etwa dem Klippdachs, der in einigen Übersetzungen
auch als «Hase» erscheint.
Ein anderer Belegstrang ist pädagogischer
Art. Eier, die man in der Fastenzeit nicht essen durfte, wurden nachher
verschenkt. Um sie haltbar zu machen, wurden sie gekocht, und um das Geschenk
wertvoll erscheinen zu lassen, wurden sie verziert. Zinsherren, Dienstboten
und Patenkinder waren die Empfänger. Doch in früheren Zeiten
wusste natürlich jedes Kind, dass Hühner keine bunten Eier legen.
Es musste ein anderer Überbringer her. Der Hase bot sich an, weil
er niedlich war und im Frühling vor lauter Hunger häufig in bewohnte
Gegenden vordrang und zudem als flinkes, flüchtiges Tier immer etwas
Geheimnisvolles hatte.
Die dritte Erklärung ist die globalste: Von Asien bis Südamerika ist der Hase Mondtier und deshalb mit der landwirtschaftlich wichtigen Zeit des Frühlingsvollmonds um Ostern besonders wichtig. In den Flecken des Vollmonds haben Völker von der Kalahari über die Anden, über China bis Indien den Hasen gesehen. Nach japanischer Vorstellung putzt der Hase die Mondscheibe. Im Sanskrit heisst der Mond «cacadharas» - «Der den Hasen trägt». Selbst Buddha war in einer frühen Inkarnation ein Hase. Als ihn ein Bettler um etwas Essbares bat, warf er sich ins Feuer und liess sich braten. Der Bettler aber war der Gott Indra; zum Dank für die Speisung prägte er das Hasenporträt auf die Mondscheibe. Das Begleittier von Aphrodite
Triebe haben im Frühling Konjunktur. Die
Libido arbeitet auf Hochtouren, und der Bauer hofft, dass die brachen Felder
treiben. Dass Frühlings- und Vegetationsgöttinnen mit dem Hasen
kooperien, ist verständlich.
Immerhin bringen Häsinnen jährlich 25 bis 30 Nachkommen zur Welt,
dürften
also ein recht erfülltes Liebesleben haben. Ein immer wieder gern
kolportiertes Gerücht besagt, der Begriff Ostern leite sich von einer
altgermanischen Frühlingsgöttin Ostara her, deren Begleittier
der Hase gewesen sei. Die Theorie ist mit Vorsicht zu geniessen, denn sie
fand hauptsächlich in der Nazizeit Verbreitung und basiert auf einer
einzigen Quelle aus dem 8. Jahrhundert. Richtig ist, dass der Feldhase
(lepus europaeus) zu den besonders fruchtbaren Tieren gehört. Seine
sprichwörtliche Liebeslust prädestinierte ihn schon in der Antike
zum Begleittier der Liebesgöttin Aphrodite.
Hasenpfoten brachten Glück
In diesem Zusammenhang gehörte der Hase
vielerorts zu den magischen Lebensmitteln. Im alten Rom assen Männer
Hasenbraten, um ihre Zeugungsfähigkeit zu stärken. Frauen verzehrten
Hasenmagen, um schwanger zu werden. Hasenfleisch galt als verjüngend.
Hasenblut entfernte Warzen, ein Hasenfell vertrieb Schlaflosigkeit, eine
Hasenpfote brachte Glück. Daraus entwickelten sich im 18. Jahrhundert
zahlreiche Redensarten. Einen «Hasenfuss» erkennt man daran,
dass er eine Hasenpfote als schützenden Talisman dabeihat. Wer weiss,
«wo der Hase im Pfeffer liegt», der kann den in der Beize marinierenden
Braten riechen. Und wer weiss, «wie der Hase läuft», erkennt
aus den geschlagenen Haken die allgemeine Richtung.
Als österlicher Eiermaler und -bringer tauchte der Hase Ende des 17. Jahrhunderts auf. Erstmals erwähnt wurden «Haseneier» 1682 in einem Bericht des Heidelberger Arzts Georg Frank, der vor der stopfenden Wirkung warnte. Zu den frühesten deutschsprachigen Quellen zählt ein Zürcher Kinderlied (18. Jahrhundert): «Dann sieht man zwar die Spur von dir, dich selber nicht, du loses Tier.» Bild key
Meister Lampe in Aktion: Aber
ein Hasenfuss ist er wahrlich nicht. Er weiss nur, wie der Hase läuft.
Verewigt: Hase
und Ei in der Literatur
Bild key
Hasen sind fruchtbare Tiere,
aber Eier legen sie keine, das steht fest.
Aus Lieb und Treu ein Ei
Mit dem Thema Ostern, Hase und Ei haben sich Dichter
aus allen Zeiten befasst. Wir haben einige Beispiele ausgesucht.
Ostern ist die Nummer zwei unter den christlichen
Feiertagen. Und Dichterfürst Goethe war nicht der Erste und auch nicht
der Einzige, der Ostern literarisch in seinen Werken verewigte.
«Vom Eise befreit ...» beginnt bekanntlich
der Osterspaziergang im «Faust». Denn Ostern ist eine Zeit
der wuchernden Gefühle. Den Goethe'schen Moment - «bleibe doch,
du bist so schön» - erlebt praktisch jeder, sobald der Winter
weicht. Nicht nur Goethe hat das festgeschrieben.
Der Dichterfürst aus Weimar war selber ein leidenschaftlicher Anhänger des Osterbrauchs und organisierte, wie Friedrich Matthisson 1783 berichtete, am Gründonnerstag gern Ostereier-suchen mit Patenkindern und den Sprösslingen von Kollegen wie Wieland und Herder. Mörikes Antwort.
Dem Dichter Eduard Mörike verdanken wir
die Antwort auf die weltbewegende Frage, ob Huhn oder Ei zuerst war: «Die
Sophisten und die Pfaffen/ Stritten sich mit viel Geschrei:/ Was hat Gott
zuerst erschaffen,/ Wohl die Henne? Wohl das Ei?// Wäre das so schwer
zu lösen?/ Erstlich ward ein Ei erdacht./ Doch, weil noch kein Huhn
gewesen,/ Schatz, so hat's der Has gebracht.»
Der Satiriker Joachim Ringelnatz dichtete demgegenüber Eifürze prägnant in Lenzwinde um: «Da spürt man, wie die Frühlingswärme/ durch geheime Gänge und Gedärme/ in die Zukunft zieht.» Aus Tod mach Leben
Wirklich Wesentliches zum Ostereierbrauch hatte
eigentlich nur «unser» Emmentaler Dichter Gotthelf zu sagen:
«Das Ei ist eine geheimnisvolle Kapsel, welche ein Lebendes birgt.»
Diese Formulierung, die die christliche Auferstehung legitimierte, ging
nachhaltig in die Sekundärliteratur ein. Pfarrer Gotthelf führte
den beliebtesten Bedeutungskreis des Eis, die Erotik, mit dem Osterei zusammen.
Sein berühmtes Zitat stammt aus «Michels Brautschau»,
wo er den Brauch des Eiertütschens auf der Kirchberger Emmen-Brücke
beschreibt.
Geritzte Eierlyrik
Der halbliterarische Volksmund hat auch viel
beigetragen. «Aus Lieb' und Treu ein Osterei» war ein gern
geritzter Eiervers. «Auss lauter Lieb/ auss lauter Trey/ Schenkh
ich dir/ das Osterey» und «Dieses Ei hier will ich Ihnen verehren/
und dann von Ihnen das Jahrwort hören» waren ebenfalls sehr
beliebt. «Soll ich ihnen meine Eier zeigen» fand und findet
wenig Gefallen. Über solche geritzte Eier- lyrik haben Experten geäussert,
sie stamme wohl von den Hühnern selber. (iw.)
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